Warum ich keine Buchwerbung zum Valentinstag mache?

Lest selbst:

 

 

 

Rom, 14 Februar 269. Ein schrecklicher Tag. Grau, kalt und trüb. Und dann dieser fürchterliche Nieselregen. Sehr ungemütlich!

 

Besonders ungemütlich war dieser Tag für einen gewissen Valentin. Er wurde nämlich gerade enthauptet. Und das nur, weil er es nicht hatte lassen können, trotz des Verbotes des Kaisers Claudius, Liebende nach christlichen Gepflogenheiten zu vermählen, was den Monarchen derart verstimmte, dass er beschloss, den aufmüpfigen Priester einen Kopf kürzer zu machen, was man nicht unbedingt als Akt christlicher Nächstenliebe bezeichnen konnte. Darüber hinaus, soll dieser Valentin den frisch getrauten Paaren auch noch Blumen aus seinem Garten geschenkt haben, nicht ahnend, dass er mit dieser symbolischen Geste knapp zweitausend Jahre später Heerscharen von Blumenhändlern beglücken würde.

 

Ironischerweise brachte ihm diese Hinrichtung bis in unsere Zeit hinein Ruhm und den Status des Patrons der Liebenden. Ob ihn das an jenem Tag im Jahre 269 getröstet hat, lassen wir mal dahingestellt…

Wie dem auch sei, wird der 14. Februar jeden Jahres in unserer westlichen Welt als Valentinstag gefeiert. Eine Tatsache, die bei den meisten Männern regelmäßig für gewisse Probleme sorgt; Blumenhändlern, Juwelieren und anderen Glücksbringern jedoch einen hübschen zusätzlichen Umsatz beschert. Und das Jahr für Jahr.

 

Chris und Svenja, zwei hippe, moderne junge Leute hielten nicht viel von derlei Konsumterror, was vor allem Chris sehr recht war. Er konnte sich noch gut an das vergangene Weihnachtsfest erinnern, als er sich quasi in letzter Minute völlig unvorbereitet und entgegen der eigentlichen Absprache dazu gennötigt sah, für seine Svenja noch ein Geschenk zu besorgen, kurz vor Ladenschluss. So etwas würde nicht noch einmal passieren.

 

In diesem Jahr fiel der 14.Februar auf einen Samstag. Auch heute war es trüb und ungemütlich, wie damals in Rom. Chris stand um acht Uhr morgens im Bäckerladen, das heißt, genau genommen stand er noch vor dem Bäckerladen in einer ansehnlichen Warteschlange, denn scheinbar waren etliche Geschlechtsgenossen auf die Idee gekommen, an diesem besonderen Tage ihre Liebsten mit frischen Brötchen zu beglücken. Er mochte Warteschlangen nicht, aber bei diesem Bäcker hier gab es nun mal die besten Brötchen weit und breit, und vor allem diese herrlichen Croissants. Also warten. Und frieren. Denn es war nicht nur trüb und ungemütlich, sondern auch saukalt. Und nass. Aber für ein opulentes Frühstück musste man halt auch mal ein Opfer bringen. Während er also geduldig und wegen der Kälte mit den Füßen stapfend der Dinge harrte, die da kamen, dachte er darüber nach, wie sich die Menschen von der Werbung dazu verleiten ließen, ihr sauer verdientes Geld für Valentinsgeschenke auszugeben. Wie albern. Man konnte seine Gefühle ja wohl auch anders zum Ausdruck bringen und das nicht nur am 14. Februar. Er dachte an die vergangene Nacht…

An der Verkaufstheke angekommen, stellte er fest, dass sich das Angebot des Bäckers heute deutlich erweitert hatte. Neben den üblichen Backwaren wurden Berliner Ballen mit Herzchengarnitur, Marzipanblumen, Schokoladenherzen und allerlei anderer Valentins-Schnickschnack feilgeboten. Und die Kunden neben ihm machten von diesem Angebot regen Gebrauch.

„Was darf es für Sie sein?“, fragte die freundliche Verkäuferin.

„Zwei Brötchen und zwei Croissants bitte…und zwei von diesen Berlinern da, mit den Herzchen drauf.“ Naja, so eine Kleinigkeit zum Valentinstag konnte ja nichts schaden, außerdem mochten die beiden doch so gerne Berliner.

 

Auf der Heimfahrt ärgerte er sich ein bisschen über sich selbst. Nun war er auch in die Werbefalle getappt, wenn auch nur für zwei Berliner. Andererseits war es ja nur eine nette, kleine Überraschung. ‚Also, was solls?‘, dachte er sich und war gespannt auf Svenjas Reaktion. Die fiel erstaunlicherweise positiver aus, als er erwartet hatte

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„Wie süß!“ freute sie sich, als sie die Berliner entdeckte, die er auf die Frühstücksteller drapiert hatte. „Dass du daran gedacht hast.“

 

Naja, falls es euch wie Chris ergeht und ihr doch schwach werdet:

 

Ebook

 

Taschenbuch

 

 

Und da ja zurzeit auch noch Karneval ist, hier noch ein Pröbchen!

Wie fühlt es sich an , wenn ma(n)n ungewollt in den Karnevalstrubel gezogen wird?

 

Die fünfte Jahreszeit

 

Einmal im Jahr kommt nicht nur der Rhein aus seinem Bett, sondern Millionen von Menschen fahren hin, zum Rhein. Und sie erfahren eine sonderbare Wandlung. Da werden aus biederen Buchhaltern Jedi Ritter oder Cowboys, aus Kfz-Mechatronikern Matrosen, Fachverkäuferinnen für Damenoberbekleidung verwandeln sich in Pippi Langstrümpfe, Indianer-Squaws oder, ganz gewagt, leichte Mädchen. Wobei nicht alle wirklich leicht sind. Es ist eine ganz besondere Zeit, immer achtundvierzig Tage vor Ostern, in der die Bürger vor Beginn der Fastenzeit, an die sich zwar kaum jemand hält, noch einmal so richtig die Sau rauslassen. Mit Tusch, Helau und Tschingderassabum. Karneval eben. Zeit der Jecken und der Narren. Und besonders vertreten ist dieses Brauchtum eben im Rheinland. Städte wie Köln, Mainz und Düsseldorf befinden sich dann in einem extremen Ausnahmezustand, der von dem als „Weiberfassnacht“ benannten Donnerstag, an dem ansonsten recht umgängliche Damen in nicht mehr ganz nüchternem Zustand sündhaft teure Krawatten ihrer Arbeitgeber zersäbeln, bis zum sogenannten Aschermittwoch währt, an dem erwachsene Männer weinend vor dem Aschermittwochsdenkmal ihre Trauer über das Ende der „jecken Zick“ bekunden. Eine Zeremonie, die dem Nicht-Jecken gelinde gesagt etwas befremdlich vorkommt.

In jenen Tagen werden in Prunksitzungen lustige Büttenreden gehalten, in der die Obrigkeit oder andere Ärgernisse des Alltags aufs Korn genommen werden, es wird gefeiert, gesungen und gelacht. Meistens. Und getrunken. Immer! Eine ganz besondere Form des geselligen Miteinanders ist das sogenannte Schunkeln. Dabei hakt man sich -stehend oder sitzend- bei seinen Nachbarn zur Rechten und zur Linken ein und wiegt einen nicht immer genau definierten Teil seines Körpers im Takte der Musik hin und her. Das scheint ein großer Spaß zu sein, ist aber vermutlich auch ein wenig abhängig davon, wer sich da gerade neben einem befindet. Wem diese, mit seltsamer Musik begleitete Körperertüchtigung noch nicht genügt, der kann sich in einer Polonaise -einer aus Menschen bestehenden, sich rhythmisch tänzelnd vorwärts bewegenden Schlange, endgültig verausgaben. Da auf derartigen Festen meist mehr oder weniger viel Alkohol konsumiert oder, wie man im Pott sagt: „verkasematuckelt“ wird, nimmt es nicht Wunder, dass der eine oder andere Teilnehmer einer solchen Polonaise die Orientierung verliert und sich unerlaubt von der Truppe entfernt oder einfach seitlich aus der Reihe kippt und sich das Getränkeangebot noch einmal durch den Kopf gehen lässt. Eine Zeit also, die geprägt ist von Frohsinn, Lebenslust, dicken Köpfen und ungewollten Schwangerschaften. Nichts für Chris.

Nun gibt es aber Sachzwänge. Zum Beispiel, wenn der Seniorchef des Architekturbüros, für das man tätig ist, auf die Idee kommt, der ganzen Belegschaft samt Anhang mal ein wirklich außergewöhnliches Event als Belohnung für die ertragreiche Arbeit zu gönnen. Was Herrn Jakobi, einem an sich sehr besonnenen und klardenkenden Menschen getrieben haben mochte, die Mitarbeiter ausgerechnet zum Kölner Karneval einzuladen, und dann auch noch mit Übernachtung, wollte sich Chris beim besten Willen nicht erschließen. Aber da lag sie nun vor ihm, die Einladung, geschrieben auf – passenderweise - feinstem Büttenpapier: …“freue ich mich, mit Ihnen und Ihren Lebensgefährten zwei unvergessliche Karnevalstage in „Kölle am Rhing“ verbringen zu dürfen. Verkleidung ist obligatorisch! Herzlichst Ihr Hermann Jakobi“

‚Ach du Scheiße!‘, dachte Chris, nachdem er die Einladung gelesen hatte, denn zwei Dinge wurden ihm schlagartig klar. Erstens: er hasste Karneval und zweitens sah nicht den Hauch einer Chance, sich dieser Geschichte zu entziehen. Es wurde im Büro schon lange darüber diskutiert, einmal einen Betriebsausflug zu machen. Und auch er hatte dafür gestimmt, aber eher an einen gemeinsam verbrachten Tag an einem interessanten Ort und ein abschließendes, gemütliches Abendessen gedacht. Nicht im Traum hätte er an ein Karnevalswochenende gedacht. Never ever! In seinen Gedanken sah er die dicke Frau Höfner, die Chefsekretärin, als Biene Maja verkleidet zu „Humba Humba Täterä“ auf ihn zu tanzen und ihm ein Bützchen auf die Lippen zu drücken. Ohne es zu merken, wischte er sich den Mund ab, während er angestrengt darüber nachdachte, ob es nicht irgendeinen Weg gab, aus dieser Nummer herauszukommen. Krankmelden? Kündigung? Er beschloss, das Ganze abends mit Svenja zu besprechen und die Gedanken daran bis dahin zu verdrängen.

Er hätte es eigentlich wissen müssen! Svenja fand die Idee mit dem Betriebsausflug zu Karneval klasse. Da würde sie doch endlich mal Chris´ Chef und Kollegen richtig kennenlernen und so eine Prunksitzung mit anschließendem Tanz hätte sie auch immer schon einmal mitmachen wollen. Und der Rosenmontagszug in Köln wäre doch bestimmt der Hammer. Davon war Chris überzeugt…

„Und was ist mit der Verkleidung?“, fragte er zerknirscht. Er hasste solche Maskeraden.

„Da lassen wir uns natürlich was ganz Besonderes einfallen.“ Svenja war Feuer und Flamme. Sie legte die Füße auf den Couchtisch, den Kopf in den Nacken und sah nachdenklich zur Decke. Chris holte eine Flasche Rotwein und zwei Gläser. Svenja betrachtete die Rotweinflasche und dann Chris. Ein verschmitztes Grinsen zog über ihr hübsches Gesicht.

„Du könntest zum Beispiel als Clochard gehen. Das wäre doch mal kreativ. Und ich als Pariser Tänzerin, so Typ Mata Hari. Was meinst du?“ Dazu fiel Chris so Einiges ein.

„Ich soll also als Penner gehen?“

„Als Clochard. Das ist was viel Feineres. Kommt dir doch bestimmt zu pass…“

„Also hör mal!“

„Nein, ich meine, so ein gekauftes Kostüm als Ritter, Pirat oder so ist doch bestimmt nichts für dich. Schon wegen der Qualität der Klamotten.“ Da hatte sie wohl Recht. „Als Clochard lässt du dir einfach einen Dreitagebart wachsen, einen alten Wintermantel finden wir bestimmt, olle Stoffhose mit Trägern, Hut auf und ne Pulle Rotwein in der Manteltasche, fertig.“ So sparte man zumindest das Geld für ein teures Kostüm. Aber Svenja als Mata Hari? Er erinnerte sich an das wohl bekannteste Foto der holländischen Tänzerin und Spionin. Sie trug darauf einen BH, der nur aus ein paar Glasperlen bestand, ansonsten obenrum nur Schmuck. Ein wallendes Gewand von der Hüfte an abwärts ließ an eine orientalische Tänzerin denken und Chris bezweifelte, ob sie in dem Outfit überhaupt aus dem Hotelzimmer kämen. Das käme ihm allerdings zu pass…

Am Sonntag vor Rosenmontag traf sich die Belegschaft des Architekturbüros Jakobi und Partner vollständig versammelt vor dem Dortmunder Hauptbahnhof. Herr Jakobi hatte einen kleinen Bus gechartert, der sie nach Köln bringen würde und ließ es sich nicht nehmen, jeden einzelnen mit Handschlag zu begrüßen und seine Freude über dieses gemeinsame Erlebnis zum Ausdruck zu bringen. Chris fragte sich, welch raffinierte Kostüme in den Koffern wohl darauf warteten, ihren Besitzern zu einem lustigen Aussehen zu verhelfen. Aber da musste er sich noch gedulden, bis man sich im Hotel umgezogen hatte.

Als sie am späten Nachmittag die Rheinmetropole erreichten, sah Chris schon durch das Busfenster das ganze Ausmaß der Katastrophe. Die Zivilbevölkerung hatte aufgehört zu existieren. Stattdessen zogen Kohorten von Seeleuten, Scheichs, Funkenmariechen und Rotkäppchen durch die mit Konfetti und Pappbechern übersäten Straßen der Vorstädte, wohl in der Hoffnung noch einen freien Platz in einer Kneipe zu finden. Die sonntäglichen Fedelszüge waren allerdings nur der Prolog für morgen, da ginge es dann richtig los. Sie erreichten das Hotel.

„So, kurz frischmachen und verkleiden. In einer halben Stunde treffen wir uns in der Lounge und gehen gemeinsam zur Sitzung!“, gab Herr Jakobi die Devise aus. Dreißig Minuten später versammelte sich eine illustre Schar Pseudo-Jecken vor der Rezeption des Hotels. Den Vogel hatte Herr Jakobi abgeschossen. Er trug zu schwarzer Hose und weißem Sakko lediglich einen bunten Prunkhut des Elferrates. Ganz toll. Immerhin war am hinteren Ende der Kopfbedeckung ein kleines güldenes Glöckchen. Wie närrisch. Da hatte er sich ja schön aus der Affäre gezogen. In krassem Gegensatz dazu seine Gattin, die in das Gewand einer ägyptischen Königin geschlüpft war. Ein Bad in Eselsmilch hätte ihr sicherlich gut getan…Und, Chris fasste es nicht, die dicke Höfner hatte sich tatsächlich als Biene Maja verkleidet. Mut hatte sie ja. Dummerweise war Peter Blomberg, einer der älteren Kollegen in das Kostüm von Willi geschlüpft. Chris glaubte nicht, dass das abgesprochen war. Der etwas unsichere Gesichtsausdruck Blombergs ließ das erahnen. Trotzdem wünschte Chris den beiden einen honigsüßen Abend. Evelyn aus der Buchhaltung hatte sich in eine sexy Krankenschwester verwandelt. Das Kostüm hätte sie auch aus einem Erotikshop haben können. Sie hatte wohl schon mit ein, zwei Piccolöchen vorgeglüht, kniff Chris ein Auge zu und warf ihm mit einer frivolen Geste ein Kussmündchen herüber, was Mata Hari gar nicht zu gefallen schien.

„Cooles Outfit“, raunte ihm sein Kollege Alexander zu, der in einen Superman-Overall gehüllt war. „Sehr authentisch!“

‚Ja‘, dachte Chris, ‚die besten Kostüme haben wirklich wir an.“ Alles andere war gekauft und phantasielos. Svenja sah einfach klasse aus. Sie hatte mit ihrem Kostüm den Spagat zwischen einem verrucht-erotischem aber dennoch so dezentem Aussehen geschafft, dass sie nicht befürchten musste, negativ aufzufallen. Dafür hatte sie ein Händchen.

Man machte sich auf den Weg zur Prunksitzung. Es hatte zu nieseln begonnen und war ungemütlich kalt. Vor der Tür der Veranstaltungshalle winkten die Türsteher die wartenden Gäste schnell durch, was vermutlich eher der Tatsache, dass auch sie ins Warme wollten, als Mitleid gegenüber den Jecken geschuldet war. Zügig passierten die Bienen Maja und Willi, Cleopatra und Superman die Eingangstür, als eine große, behaarte Hand auf Chris ‘Schulter parkte.

„He, du Penner! Du kommst hier nicht rein! Geschlossene Gesellschaft.“ Chris hörte Svenja hinter sich losprusten.

„Hallo? Das ist mein Kostüm!“

„Ja sicher. Und ich bin Barack Obama!“

Neu:

 

Eine Leseprobe aus der Geschichte "Gebären will gelernt sein" finden Sie in der Präsentation meines Buches bei pressenet.info. Vielen Dank dafür an Winfried Brumma!