Bald ist es wieder soweit: schauerliche Gestalten treiben in dunkelen Gassen ihr Unwesen und Unbeteiligte - wie meinen Protagonisten Chris - damit in den Wahnsinn!

Eigentlich fing das Wochenende ganz harmlos an... Aber lest selbst:

 

 

Süßes oder Saures

 

Herbst! Was für eine Jahreszeit! Morgen voller Nebel, durch die es die Sonne kaum schafft, den fröstelnden Erdbewohnern ihre Wärme zu spenden, feuchtkalte Abende, an denen es in den Küchen nach Grünkohl, Wirsingrouladen und Kürbissuppe duftet. Abende, die zum Verweilen am Kamin genauso einladen wie zum Kuscheln. Und zum Gruseln!

Bis vor etwa zwanzig Jahren war der 31. Oktober ein ganz normaler Tag. Dann geschah es, dass aus den Vereinigten Staaten ein Brauch zu uns herüberschwappte, den keiner brauchte: Halloween. Und wie so Vieles, das sich aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten bei uns breitmacht, wie Cola, Fastfood und Disneyfilme, ist auch Halloween inzwischen nicht mehr wegzudenken. Warum auch immer. Seitdem ist es gefährlich geworden, sich in dieser Zeit im Dunkeln draußen aufzuhalten. Untote, in mehr oder weniger verwestem Zustand, warten auf dich hinter dunklen Ecken, trachten danach, dir den Garaus zu machen oder dich zumindest zu erschrecken. Gespenster wabern um dich herum, Wehrwölfe und Vampire lechzen nach deinem Blut. Nein, Halloween ist keine schöne Zeit, erst recht nicht, wenn man eine Frau hat, die auf so was steht. Dazu aber später.

Nun ist der Herbst aber auch die Zeit dringender Gartenarbeiten, wie etwa das Zurückschneiden von Büschen und Hecken. Und eine solche Hecke, wann und von wem auch immer einmal gepflanzt, zierte den Garten der Familie Ohlson. Wobei, das war zumindest Svenjas Meinung, von Zierde hier keine Rede sein konnte. Wild und ungeordnet ragten die Zweige, seit Jahren nicht mehr gepflegt, in den grauen Morgenhimmel.

„Wir könnten heute mal die Hecke schneiden“, konstatierte sie denn auch an einem Samstagmorgen beim gemeinsamen Frühstück. Chris verschluckte sich an seinem Kaffee und das hatte seine Gründe. Erstens hatte er sich auf einen ruhigen, gemütlichen Tag gefreut. Heckeschneiden stand da nicht unbedingt auf seiner Wunschliste. Zweitens ahnte er, wer genau mit dem Wörtchen „Wir“ gemeint war. Drittens sollte er heute Abend noch auf so eine Halloweenparty, Genaueres darüber hielt Svenja mal wieder geheim. Große Lust auf diese Party hatte er nicht, aber um nicht als Langweiler dazustehen hatte er zugesagt. Der Gedanke, sich nun auch noch tagsüber mit Dingen zu beschäftigen, zu denen er keine Lust hatte, gefiel ihm deshalb gar nicht. Nachdem er den Kaffee wieder aus der Luftröhre hinausgehustet und ordnungsgemäß in die Speiseröhre umgeleitet hatte, dachte er angestrengt nach, wie das drohende Desaster abzuwenden sei. Dann kam der rettende Gedanke.

„Leider haben wir keine Heckenschere“, antwortete er scheinbar bedauernd und biss genussvoll in sein Käsebrötchen.

„Habe ich schon gecheckt, kein Problem, kann man im Baumarkt ausleihen.“ Es hätte nicht viel gefehlt und Chris hätte sich auch noch an seinem Käsebrötchen verschluckt.

„Jaja-Yippi-YippiYea!“, sangen imaginäre Cowboys in der Radiowerbung, als sie eine halbe Stunde später auf dem Weg zum Baumarkt waren. Es hatte etwas Zynisches.

„Ach du Scheiße!“, brachte Chris heraus, als sie auf den Parkplatz fuhren. Heimwerker schienen Frühaufsteher zu sein, allesamt, denn der Parkplatz war, trotz der recht frühen Stunde bereits brechend voll und Chris malte sich aus, wie es in den Regalreihen und vor allem im Kassenbereich aussehen würde. Zum Glück war Hans- Christian noch zu klein für den Tobsuchtsanfall an der Quengelware.

„Vielleicht können wir gleich zu dem Terminal für Leihgeräte gehen, dann können wir uns die Warteschlangen sparen“, meinte Chris hoffungsvoll.

„Wo wir schon mal da sind, können wir ja noch mal eben ins Gartencenter.“ Das hatte Chris befürchtet. Und die Bedeutung der Worte „mal eben“ war ihm hinlänglich bekannt. Noch während er die Hoffnung auf wenigstens ein paar chillige Stunden an diesem Samstag begrub, enterte Svenja mit dem Kleinen im Einkaufswagen freudestrahlend das Gartencenter.

„Guck mal hier, die Herbstastern!“ jubelte sie, „Sind sie nicht schön?“

„Ja, schön schwer!“, sagte Chris mit Blick auf die riesigen Tontöpfe, in denen diese Trümmer von Spätblühern steckten. Und wer die Kübel schleppen durfte war ja klar…Svenja ging auf seinen Kommentar gar nicht ein.

„Blaue oder violette?“ Hier schien es also gar nicht mehr darum zu gehen, ob, sondern nur noch was gekauft wurde. Auch Chris´ Hinweis, sein Auto verfüge nicht über eine Laderampe wurde ignoriert. Nachdem Svenja sich für zwei, zugegebenermaßen sehr ansehnliche violette Exemplare entschieden hatte, führte sie der Herbstspaziergang weiter in die Abteilung für Blumenzwiebeln und Heidekraut.

„Du denkst aber schon daran, dass das alles auch ins Auto muss? Mit der Erika können wir ja die Motorhaube tarnen, aber wo soll der Rest hin?“

„Passt schon!“, bekam er zur Antwort. Immerhin schien Svenjas Bedürfnis an Gartenpflanzen endlich gestillt und man machte sich auf den Weg zur Verleihstation. Dummerweise führte der an der Abteilung für Vogelhäuschen vorbei.

„Oh wie süß! Schau mal!“ Und Chris schaute. Allerdings eher dumm aus der Wäsche, denn ihm war klar, was jetzt kam. An den kleinen Häuschen ging Svenja achtlos vorbei. Ihr Ziel waren diese an Wolkenkratzer erinnernden, aus Birkenholz gefertigten Bauwerke, die auf kräftige Ständer montiert waren und mehreren Millionen daheim überwinternden Singvögeln Platz boten.

„Sind die nicht toll?“

„Gibt´s nicht auch welche mit Einbauküche und Sauna?“, wollte Chris wissen.

„Was meinst du, wie schön das ist, wenn wir bald vom Wohnzimmerfenster aus die Vögel beim Fressen beobachten können. Und Hans - Christian lernt die heimischen Vogelarten kennen.“ An diesem Argument war etwas. Also musste ein Vogelhaus mit. Das Exemplar, für das Svenja sich entschied, bekam von Chris den Namen „Burj Khalifa“ und da es beim besten Willen nicht mehr auf den Einkaufswagen passte, durfte Chris es schleppen. Birkenholz ist schwer. Daraus gefertigte Vogelhäuser auch. Und sperrig. Dementsprechend begann Chris auf dem weiteren Marsch recht ordentlich zu transpirieren. Zum Glück ahnte er noch nicht, dass er dies hier getrost als Aufwärmtraining für das betrachten konnte, was ihn noch auf ihn zu kam.

„Benzin oder Elektro?“ begehrte der freundliche Fachberater in der Verleihstation von Chis zu erfahren. Gute Frage, darüber hatte er sich noch gar keine Gedanken gemacht.

„Was würden Sie…“

„Benzin!“, rief Svenja neben ihm und erklärte, als sie seinen erstaunten Blick wahrnahm: „Erstens haben wir gar nicht so ein langes Kabel bis zur Hecke und zweitens bist du mit so einer mickerigen Elektroschere Heiligabend noch zu Gange.“ Alea jacta est.

„Schwertlänge?“ Was der alles wissen wollte.

„Geben Sie mal eine, die richtig was wegschafft!“, verlangte Chris und bekam ein Modell mit einem etwa achtzig Zentimeter langem Schwert. Nachdem sie auch noch einen Kanister Treibstoff und einen Schutzhelm mit Augen,- und Gehörschutz ausgehändigt bekamen, ging es zurück zum Auto. Chris, das Vogelhaus auf der rechten Schulter und die Heckenschere in der linken Hand schleppend, erhielt respektvolle Blicke von den ihnen entgegenkommenden Baumarktkunden. Er war nun mal ein Mann der Tat, und genoss es, dass man ihm das auch ansah. Auch dass er beim Beladen des Wagens eine eher passive Rolle spielte, tat dieser Tatsache keinen Abbruch.

Eine Stunde später stand die junge Familie vor besagter Hecke. Chris, der mit alter Jeans, schwarzrot kariertem Flanellhemd, dicken Arbeitshandschuhen und seinem Schutzhelm an einen kanadischen Holzfäller erinnerte, zog an dem Seil der Heckenschere, um den Motor zu starten. Einmal, zweimal… nichts!

„Choke?“ warf Svenja beiläufig, aber mit hochgezogenen Augenbrauen ein. Ja natürlich, dass er nicht selbst darauf gekommen war. Er schob den entsprechenden Hebel nach vorne, zog an dem Seil und der typische Sound eines Zweitaktmotors erfüllte die Luft. Stolz gab Chris zwei, dreimal Vollgas, grinste breit und zeigte den erhobenen Daumen. Svenja erwiderte die Geste und Hans - Christian, der in seinem Sportwagen saß, klatschte ob des Motorenlärms begeistert in die Hände. Aus ihm würde mal ein echter Kerl. Chris legte die Heckenschere zum Warmlaufen ins Gras und stellte sich neben Svenja.

„Ich würde sagen,“ brüllte er, als dröhnte neben ihm der Motor eines Bergepanzers, „ich stutze sie erst ein Stück von der Seite und dann von oben“. Dabei deutete er mit den Armen an, wie viel er von den Zweigen abzusäbeln gedachte. Svenja nickte zustimmend. Er nahm die Schere wieder auf, gab noch ein paar Mal Vollgas und begann dann von unten nach oben, die Hecke in ihrer Breite zu reduzieren. So vollgetankt war das Gerät ganz schön schwer. Und die Arbeit mit großem Gewicht am ausgestreckten Arm war für ihn sehr ungewohnt. So dauerte es denn auch nicht lange, bis sich in seinen Armen erste Ermüdungserscheinungen zeigten. Immerhin hatte er schon fast zwei Meter geschafft. Von dreißig. Er legte die Schere wieder hin und schüttelte sich die Arme aus.

„Ich mach jetzt erst oben!“, rief er. „Gib mal die Leiter.“ Er stellte die Treppenleiter neben die Hecke, prüfte den Stand und nahm die Heckenschere wieder auf.

„Gut festhalten!“, wies er seine Frau an und begann, die Leiter heraufzuklettern. Obwohl er gar nicht so übermäßig schwer war, versanken die linken Füße der Leiter im Gras. Das Ganze bekam eine bedrohliche Schräglage.

„Festhalten!“, brüllte er und beeilte sich, wieder nach unten zu kommen. Gar nicht so leicht, mit einer Motorschere in der Hand und einer Leiter, die so schräg steht wie ein Segelboot im Sturm.

„Also festhalten musst du schon!“, blaffte er Svenja an. Sollte er hier Kopf und Kragen riskieren, für eine Hecke, die seiner Meinung nach auch genau so hätte bleiben können, wie sie war. Hatten sie nicht damals von einem naturbelassenen Garten gesprochen?

„Also ich kann zwar dafür sorgen, dass die Leiter nicht umkippt. Aber wenn die so einsinkt halte ich sie nicht“, antwortete Svenja betont sachlich. Sie zogen die Leiter wieder heraus, versetzten sie ein Stück nach rechts und Chris drückte sie nach unten.

„Müsste gehen!“, meinte er fachmännisch, warf Svenja einen vielsagenden Blick zu und kletterte erneut nach oben. Diesmal passierte nichts. Er gab nochmal Gas, rief „festhalten“ nach unten, trat auf die oberste Stufe und begann die Hecke in der Höhe zu stutzen. Die war jedoch breiter, als er gedacht hatte und so musste er sich mit den Oberschenkeln am Bügel der Leiter anlehnen, um einen halbwegs sicheren Stand zu haben und sich extrem weit nach vorne beugen, um die Hecke in ihrer ganzen Breite bearbeiten zu können. Wir erinnern uns alle an den Physikunterricht? Das Hebelgesetz? Wie hieß es da noch? Richtig: Ein Hebel befindet sich im Gleichgewicht, wenn die Summe aller ihm anliegenden Drehmomente gleich null ist. Und: Kraft mal Kraftarm ist gleich Last mal Lastarm. Es dauerte nur wenige Sekunden, bis Chris gewahrte, dass sich der Hebel, mit dem er sich gerade abrackerte, eindeutig nicht im Gleichgewicht befand, was daran lag, dass die Summe der anliegenden Drehmomente, in diesem Fall dieser verschissenen Heckenschere, dazu führte, dass der Lastarm seinen Kraftarm deutlich überstrapazierte. Mit anderen Worten: ihm ging die Puste aus.

„Ein bisschen gleichmäßiger!“, kam es von unten. „Nicht so strubbelig!

Jetzt reichte es! Er stellte den Motor ab, klappte das Visier des Schutzhelmes hoch und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

„ Hömma, ich bin Architekt und kein Friseur!“ rief er gereizt nach unten. Sehr gereizt sogar. „Hast du vielleicht eine Vorstellung davon, wie schwer das Ding hier ist? Und da soll ich der blöden Hecke hier noch einen Fassonschnitt verpassen?“

Svenja kannte ihren Chris. Er rastete selten aus. Höchstselten sogar, aber wenn er einmal explodierte, war es besser, nicht in der Nähe zu sein. Was sie hier nun mal war. Da hieß es jetzt vorsichtshalber kleine Brötchen backen.

„Ist ja schon gut“, ruderte sie zurück, „ich meine ja bloß…“

„Darfst es gerne selber mal probieren!“ greinte er von oben, musste aber schon wieder ein wenig grinsen. Er klappte das Visier wieder runter, startete den Motor und machte sich wieder an die Arbeit.

‚Wenn das hier fertig ist‘, dachte er, sollte man in die Sauna gehen und nicht auf eine Party‘. Seine Arme wurden immer länger.

„Süßes oder Saures!“, riss ihn das Geschrei einer Truppe lächerlich verkleideter Kinder aus seinen Gedanken. Fast wäre er von der Leiter gefallen. Auf dem Weg hinter der Hecke, die zu stutzen er sich gerade bemühte, standen etwa sechs, sieben Kinder zwischen acht und zwölf Jahren. Vermutlich ihre Muttis hatten die Gesichter mit billiger Schminke bleichgemacht und mit Lippenstift Blutstropfen darauf geschmiert. Chris versuchte sich von seinem Schreck zu erholen und dachte kurz darüber nach, dass er die Masken, zumindest was die aufgemalten Blutstropfen betraf, mittels des in seiner Hand befindlichen Werkzeuges authentischer würde gestalten können…

„Süßes oder Saures!“, wiederholten die Blagen.

„Meine Fresse, wo kommt ihr denn her? Ich wäre fast von der Leiter gesegelt!“ Anstatt aber Zeichen von ehrlichem Bedauern zu zeigen, begannen die kleinen Rotzlöffel zu kichern. Besonders ein Mädchen von vielleicht zehn Jahren kriegte sich vor Lachen gar nicht mehr ein. Und ob er nun wollte oder nicht, das Lachen der Kleinen war dermaßen ansteckend, dass auch Chris mitlachen musste. Also stellte er den Motor wieder ab, worüber er gar nicht so böse war, und stieg von der Leiter. Er spürte seine Arme kaum noch.

„Dann kommt mal zum Haus!“, rief er, nunmehr froh über die kleine Pause, die die Kids ihm beschert hatten „Mal sehen, ob wir was für euch haben.“ Da Chris durch seine verkrampfte Arbeitshaltung jetzt auch schon Schmerzen in den Beinen hatte und entsprechend langsam zum Haus schlurfte, kamen sie ungefähr zeitgleich dort an.

„Geister schreien, Hexen lachen, gebt uns Süßes, sonst wird`s krachen!“ schrie die Truppe unisono. Das galt es auf jeden Fall zu vermeiden. Also kramten Chris und Svenja in den üblichen Schubladen und Schrankfächern und brachten tatsächlich ein paar Süßigkeiten ans Tageslicht. Ein wenig Kleingeld dazu und der Spuk war vorüber.

„Möchtest du einen Kaffee?“, fragte Svenja, die sah, dass ihr Mann deutliche Ermüdungserscheinungen zeigte.

„Ne, jetzt machen wir das erst zu Ende. Also, auf geht´s!“

Eine gute Stunde später stieg ein klatschnass geschwitzter und um gefühlt zwanzig Jahre gealterter Chris die Leiter hinab. Völlig fertig, aber stolz wie Oskar betrachtete er sein Werk. Und dafür, dass er das zum ersten Mal gemacht hatte sah die Hecke richtig gut aus.

„Na, was sagst du?“, frage er Svenja.

„Klasse, jetzt nur noch das Laub rechen und dann…“, kreischend und lachend rannte sie weg, um dem Mordversuch ihres Gatten zu entgehen. Chris gab sich geschlagen. Zu einem Sprint war er nicht mehr in der Lage. Lachend schoben sie ihren Sohn zum Haus. Svenja trug die Heckenschere.

„So schwer ist die doch gar nicht!“, feixte sie.

„Pass auf was du sagst!“, meinte Chris gespielt böse. Er freute sich nur noch auf eine Dusche.

Als ihm kurz darauf das heiße Wasser über den gepeinigten Körper strömte, fiel ihm ein, dass er ja heute auch noch das Tanzbein schwingen sollte. Prüfend ging er vorsichtig ein, zwei Mal leicht in die Hocke.

‚Aua, aua!‘, dachte er, ‚das wird ja eine schöne Scheiße!‘ Er überlegte, ob es sinnvoll wäre, sich aus der Apotheke noch ein Dopingmittel zu besorgen. Nach dem Duschen zog er sich den Bademantel über und ging ins Wohnzimmer hinunter. Schon das Gehen auf der Treppe tat ihm weh. Immerhin duftete es verführerisch hier unten, seine Laune wurde besser. Er machte es sich auf dem Sofa Drøm gemütlich und harrte der Dinge, die da kamen. Kurz darauf erschien Svenja mit einem großen Tablett, darauf eine Kanne Kaffee, Tassen und eine Platte mit frisch zubereitetem Kaiserschmarrn. Lecker! Sie setzten ihren Sohn zwischen sich auf das Sofa und genossen den frischen Kaffee und die berühmte österreichische Süßspeise, die der Legende nach einst von einem Wiener Hofpâtissier für die Kaiserin Elisabeth - besser bekannt als Sissi - kreiert wurde. Da diese aber streng auf ihre schlanke Linie achtete, verschmähte sie die Kalorienbombe und der gute Kaiser Franz, „Franz’l“, opferte sich mit den Worten: „So gebt´s ihn halt mir, den Schmarrn!“ So soll er angeblich seinen Namen bekommen haben, der Kaiserschmarrn. Ob an der Geschichte etwas dran war, oder nicht, die drei ließen sich´s schmecken und achteten auch nicht auf Kalorien. Draußen begann es zu dämmern. Svenja sah auf die Uhr.

„Oh, ich muss mich mal langsam fertig machen“, meinte sie beiläufig. „In einer Stunde kommt der Babysitter. Mit diesem geheimnisvollen Lächeln, von dem Chris nie wusste, was es schlussendlich zu bedeuten hatte, verschwand sie nach oben.

„Tja“, sagte Chris zu seinem Sohn „so sind sie, die Mädels…“ Und Hans - Christian nickte, als ob er ihn verstehen würde. Chris stopfte sich noch ein Stück Kaiserschmarrn in den Mund, langte nach der Spielzeugkiste und vertrieb sich mit dem Kleinen die Zeit.

Es war bereits dunkel als eine äußerst sexy gekleidete Hexe die Treppe herunter kam. Schwarze High Heels, schwarze Netzstrümpfe unter einem extrem kurzen Minirock, darüber eine knallenge, figurbetonende Korsage. Das Gesicht hatte sie, sehr bewusst, etwas zu grell geschminkt, ein spitzer hoher Filzhut rundete das Ganze ab. In der Hand hielt sie einen Reisigbesen. Chris bleib die Spucke weg.

„Na, wie gefällt dir deine kleine Hexe?“, fragte sie mit hochgezogenen Augenbrauen in verführerischem Ton. Chris schluckte trocken.

„Wir können auch zu Hause bleiben“, meinte er.

„Nix da, erst wird gefeiert!“

„Und dann?“ Und da war es wieder, dieses schwer zu deutende Lächeln. Ein sanfter Gong ertönte und ließ wissen, dass jemand an der Haustür stand und Einlass begehrte.

„Das ist Amelie“, sagte Svenja, bedeutend sachlicher. Amelie war eine Studentin, die hin und wieder durch Babysitten ihr Bafög etwas aufbesserte.

„Du solltest auch besser raufgehen und dich fertig machen.“ Richtig, er trug ja nur den Bademantel.“ Ich habe dein Kostüm schon aufs Bett gelegt. Während er die Treppe heraufhumpelte, fragte er sich, was seine Frau sich dieses Mal für ihn ausgedacht hatte. Seit den unfreiwilligen Ritterspielen letztes Jahr wunderte er sich eigentlich über nichts mehr, aber sie wusste ja, dass er für Verkleidungen jedweder Art nicht viel übrighatte. Erleichtert stellte er fest, dass es ihn heute nicht so hart getroffen hatte. Auf dem Bett lag das Gewand eines Zauberers, das lediglich aus einem weiten Mantel mit breitem Gürtel, Handschuhen, einem Zauberstab und einem großen Hut bestand. Damit konnte er leben. Als er sich wenig später im Spiegel betrachtete sah er aus wie Gandalf, nur ohne Bart. Auf dem Weg zurück ins Wohnzimmer hörte er, wie Amelie Svenjas Outfit bewunderte.

„Das sieht ja cool aus, Frau Ohlson. Echt geil!“ Ja, das fand er auch, meinte es aber anders…Er warf noch einen kurzen Blick in den Spiegel und ging dann hinunter, um Amelie zu begrüßen. Zu sagen, dass ihr bei seinem Anblick das Lächeln im Gesicht erstarb, wäre sicher übertrieben, aber das Kompliment für sein Kostüm fiel deutlich bescheidener aus.

‚Das fängt ja gut an‘, dachte er zerknirscht, bemüht, sich nichts anmerken zu lassen und die Babysitterin freundlich zu empfangen.

„Sehe ich wirklich so dämlich aus?“, fragte er Svenja, nachdem sie sich auf den Weg gemacht hatten.

„Quatsch, wieso?“

„Naja, Amelies Reaktion war ja doch eher, sagen wir, zurückhaltend.“

„Blödsinn, du siehst klasse aus!“ So richtig glauben konnte er das nicht. Aber das war jetzt auch egal. Er hoffte nur, dass der Abend sich nicht endlos in die Länge ziehen würde. Er war todmüde und konnte sich kaum bewegen. Schon der Gedanke an tanzen bereitete ihm Schmerzen, aber seit Hans - Christian bei ihnen war kamen sie halt nicht mehr so oft vor die Tür und Svenja hatte sich total auf diesen Abend gefreut. Da wollte er jetzt nicht die Spaßbremse sein, obwohl ihm alle Knochen wehtaten. Selbst das Lenken tat ihm weh. Vielleicht sollte er nur ein Süppchen bestellen. Mit Strohhalm.

Im Restaurant ihrer Wahl angekommen gab es den ersten Schrecken zu Halloween. Sie waren nämlich die einzigen Gäste, die verkleidet waren. Der Kellner, der Svenja den Mantel abnahm, konnte sich das Lachen kaum verkneifen. Chris brauchte er den Mantel nicht abzunehmen, der war ja Teil seines Kostüms. Streng genommen war er sogar das Kostüm. Als sie den Gastraum betraten, wurde es seltsam still. Sogar das obligatorische Klappern der Bestecke verstummte. Alle Blicke waren auf die Beiden gerichtet.

„Guten Abend allerseits!“, zwitscherte Svenja kess in die Runde. „Und weiterhin guten Appetit.“ Das wirkte. Peinlich berührt nahmen die Gäste ihre Bestecke wieder auf und setzten das Essen fort. Das leise Gemurmel, das nun erklang, ließ aber ahnen, dass eine gewisse Missbilligung im Raume lag. Verstohlene Blicke allenthalben. Chris glaubte jedoch zumindest in den Blicken der Herren im Saale, die Svenja fixierten, eine gewisse Bewunderung zu erkennen. Das wiederum führte dazu, dass aus den Augen der sie begleitenden Damen kleine Blitze und vermutlich giftige Pfeile zischten. Svenja sah aber auch wirklich supersexy aus. Kein Wunder, dass die anderen Frauen etwas nervös wurden.

„Guten Abend Frau Ohlson, wie schön Sie mal wieder begrüßen zu dürfen!“, empfing sie der Chef des Hauses und gab Svenja einen angedeuteten Handkuss. „Herr Ohlson!“, setzte er den Willkommensgruß fort. „Guten Abend auch Ihnen.“ Der Mann war Kavalier alter Schule.

„Pfft!“, kam es von irgendwo her. Svenja ließ sich nicht beeindrucken. Es war natürlich klar, dass dieses Unmutsgeräusch ihr galt, aber cool wie sie war, setzte sie ihr strahlenstes Lächeln auf.

„Vielen Dank!“, antwortete sie deutlich lauter als nötig. „Wir freuen uns auch jedes Mal hier zu sein, schon allein wegen der vielen netten Gäste.“ Sie strahlte in die Runde, aber Chris erkannte nun in ihren Augen einen Ausdruck, der geeignet gewesen wäre, einen heißen Geysir in Sekundenbruchteilen gefrieren zu lassen. Der Maître musste sich die Hand vor den Mund halten, um seine anderen Gäste nicht zu brüskieren. Eins zu null für Svenja! Das Essen verlief dann auch ohne weitere, nennenswerte Zwischenfälle, sah man einmal davon ab, dass der eine oder andere Gast ob seiner schmachtenden Blicke von seiner Gattin unter dem Tisch einen Tritt gegen das Schienbein kassierte. Sie tranken noch einen Espresso und machten sich auf den Weg in die Disco.

Das „Theater“ war einer der angesagtesten Clubs in Dortmund. Aus gegebenem Anlass war die Disco schaurig - gruselig dekoriert. Und zwar sehr aufwendig. Zu Chris´ Erleichterung waren hier nahezu alle Gäste verkleidet, so dass er gar nicht auffiel, was ihm sehr angenehm war. Die Deppen hier waren die unkostümierten Partybesucher. Er entspannte sich. Allerdings nicht lange. Kaum hatten sie auf einem Barhocker Platz genommen und einen Schluck getrunken, stimmte der schwedische Zahnarzt sein berühmtes „Sing Halleluja“ an und Svenja zog ihn lächelnd auf den Dancefloor, wo er schon nach nur wenigen Takten sein ganz persönliches Halleluja erlebte. Scheiße tat das weh! Während Svenja in ihrem gewohnt eleganten Tanzstil über die Tanzfläche schwebte, versuchte er einen Move zu finden, der das Tanzen einigermaßen erträglich machte. Leicht war das nicht. Die unterschiedlichen Tanzstile der Beiden hatten aber zur Folge, dass man oberflächlich betrachtet nicht zwingend auf die Idee kommen musste, dass es sich hier um ein Paar handelte. Es dauerte denn auch gar nicht lange, bis ein extrem großer und breitschultriger Henker - das Kostüm passte zugegebenermaßen sehr gut zu seinem athletischen Körper - Svenja breit grinsend antanzte. Die lächelte zwar geschmeichelt, zeigte aber ansonsten keinerlei Anzeichen, auf den Annäherungsversuch des massigen Tanzbären einzugehen. Der wiederum schien ihr Lächeln als Einladung zu interpretieren und näherte sich ihr mit affektiertem Hüftschwung. Chris war heute schon einmal sauer geworden und es war noch reichlich Adrenalin im System. Humpelnd tanzte er zum Henker herüber und tippte ihm unsanft auf die Schulter. Der Mann drehte sich um und sah Chris fragend an.

„Nur zur Information“, rief Chris dem Fremden mit grimmigem Blick zu, „das ist meine Frau!“ Der Henker stutzte, dachte kurz nach und fragte ihn dann:

„Ey, Gandalf, bist du Gefahrensucher oder wat?“ Chris konnte förmlich spüren, wie seine Nebennieren die Arbeit wiederaufnahmen und sein Hals anschwoll. Der Kerl war zwar einen guten Kopf größer als er und sicher auch viel stärker, aber zu den Ängstlichen hatte Chris noch nie gehört. Er fasste ihn am Ärmel und zischte ihn an:

„Hör zu, ich will hier keinen Krach, aber wenn du meine Frau nicht in Ruhe lässt, kannst du morgen auf der Intensivstation frühstücken!“ Es waren wohl weniger die Worte als sein Blick, der den Henker zu dem Schluss kommen ließ, dass der geordnete Rückzug hier die schlauere Strategie war. Ohne ein weiteres Wort räumte er das Feld.

„So kenn ich dich ja gar nicht!“, rief Svenja ihm zu als der Henker verschwunden war. Chris zuckte nur mit den Schultern, kniff ihr ein Auge zu und versuchte wieder den Schongang einzulegen.

Es war wohl so gegen Mitternacht, als die Musik verstummte und ein Mann mit langen, zu einem Knoten gesteckten schwarzen Haaren und in einen eleganten Smoking gekleidet die Tanzfläche betrat.

„Liebe Gäste!“, begann er, „Wie jedes Jahr hat sich auch heute wieder eine fachkundige Jurie darum bemüht, den Gast mit dem besten Kostüm auszuloben. Dabei kommt es nicht nur auf die Verkleidung an sich an, sondern vor allem darauf, wie authentisch das Ganze vorgetragen wird. Wir haben uns die Entscheidung nicht leichtgemacht, sind aber schlussendlich einstimmig zu folgendem Ergebnis gekommen. And, the winner is…Trommelwirbel erklang aus den Boxen…dieser alte lahme Zauberer hier, der es geschafft hat, den ganzen Abend zu hinken und zu humpeln. Chris stand im grellen Scheinwerferlicht. Tosender Applaus um ihn herum. Eine hübsche Assistentin brachte den Preis, eine Flasche Champagner und überreichte sie dem verdutzen Sieger. Küsschen links, Küsschen rechts.

„Herzlichen Glückwunsch!“, rief der Smokingträger. „Du hast deine Rolle so überzeugend gespielt, dass du dir das Fläschen mehr als verdient hast. Und ab jetzt darfst du dich aber wieder normal bewegen!“

 

Ich hoffe, Sie hatten Spaß an dieser kleinen Leseprobe!

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